11.04.2010
Eine Reise durch das Ruhrgebiet
von sarah meyer-dietrich

Ich packe meinen Koffer und nehme mit: Reiselektüre. Und was könnte sich besser eignen als der neue Band der Reihe "Europa erlesen", im Blickpunkt dieses Mal: das Ruhrgebiet. Handlich und kompakt ist der von Thomas Ernst und Florian Neuner herausgegebene Band. Passt problemlos in jede Handtasche und geht mit seinem leuchtenden Pink auch als Modeaccessoire durch. Im Band versammelt finden sich Texte über die Region an der Ruhr. Aus verschiedensten Zeiten. Von verschiedensten Autoren. Und besonders schön: Dieses Buch lässt sich auch als unkonventionellen Reiseführer einsetzen. Und zwar so:
- Fahren Sie in eine Stadt im Ruhrgebiet und suchen Sie sich den passenden Text dazu aus (z.B. Essen, Bochum, Dortmund, Gelsenkirchen). Oder auch umgekehrt: Suchen Sie sich einen Text aus dem Buch und fahren Sie dann in die entsprechende Stadt.
- Wie Sie dort hinfahren, ist zumeist egal. Zum Lesen der Texte, die an Bahnhöfen und in Bahnen angesiedelt sind, bietet sich der öffentliche Nahverkehr an (Hans Siemsen: Duisburg; Mohammed Mhaimah: Wenn Dortmund an Casablanca grenzen würde; Florian Neuner: Dérive III: Wanne...). Für Boris Sieverts’ 10 Reiseempfehlungen zur Entdeckung der A 40 ist hingegen ein Auto nötig.
- Lassen Sie sich nicht abschrecken vom Spott über das Ruhrgebiet, der Ihnen aus einigen Texten entgegenschlagen wird (z.B. Pierre-Hippolyte-Léopold Paillot: Essen; Hans Siemsen: Duisburg; Peter Köhler: Recklinghausen; Thomas Kapielski: Wanne-Eickel; Georg Kreisler: Gelsenkirchen). Das ist Teil der Entdeckungsreise durch das Ruhrgebiet. Über diesen Landstrich wird seit eh und je gespottet (nicht nur extern). Die Vorurteile und Klischees gehören nun einmal dazu. Aber Sie sind hier, um sich Ihr eigenes Bild zu machen. Um mit eigenen Augen zu sehen, dass viele Ruhrgebietsstädte auf den ersten Blick tatsächlich so hässlich sind, wie ihr Ruf besagt.
- Lesen Sie. Schließen Sie zwischendurch die Augen. Lassen Sie die Vergangenheit aufleben. Die Benediktinerabtei in Essen-Werden anno 1718 (Edmond Martène / Ursine Durand), das Ruhrgebiet 1649 – vor der Industrialisierung (Fabio Chigi; freuen Sie sich nebenbei bemerkt, dass die Reise durch das Ruhrgebiet heute so viel komfortabler erfolgt), das noch blühende Duisburg (Johann Heinrich Christian Nonne), das Hotel Kaiserhof in Essen während der Blütezeit der Schwerindustrie (Egon Erwin Kisch), die Zeit der französischen Besatzung (Richard Huelsenbeck; Ernest Hemmingway), die 60er-Jahre zwischen Suche nach Roter Ruhr-Armee (Jürgen Link), Streiks und Beatles (Hansjürgen Bulkowski).
- Wechseln Sie die Perspektiven: Sehen Sie das Ruhrgebiet aus Sicht eines Bergmanns (Heinrich Kämpchen), den der Pütt zum Invaliden gemacht hat. Duisburg mit den Augen eines Kommunisten (Hans Siemsen). Dortmund mit den Augen eines Gastarbeiters (Mohammes Mhaimah). Bochum aus der Isolationshaft (Karl-Heinz Roth), dem Blickwinkel eines potentiellen Selbstmörders (Thomas Ernst) und eines an Schizophrenie erkrankenden Journalisten (Wolfgang Welt).
- Entdecken Sie die A 40 mit Hilfe ungewöhnlicher Reiseempfehlungen (Boris Sieverts), Wanne-Eickel anhand einer Kneipentour (Florian Neuner) und huldigen Sie der Pommesfrau (Ilse Kibgis).
- Tauchen Sie wieder auf. Erkennen Sie eine andere Art von Schönheit, "denn das Ruhrgebiet und seine Literatur bieten die große Möglichkeit, einen ganz anderen Begriff von Schönheit zu entwickeln" (Nachwort).
Thomas Ernst, Florian Neuner (Hrsg.): "Europa erlesen: Ruhrgebiet" Wieser Verlag, € 12,95, ISBN 978-3-85129-794-2
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